Liebe Leser,
ich freue mich, als ältestes Kind von Heinz und Rosa Röder Euch bzw. Sie im Namen meiner Geschwister und deren Ehepartner hier auf dem Blog begrüßen zu können! Durch Corona, die meinem Vater einen schnellen und sanften Heimgang bescherte, wurden wir Kinder motiviert, einen ungewohnt neuen Weg des Gedenkens an meinen Vater zu beschreiten. Etliche von Euch bzw. Ihnen hatte ich ja auf der Beerdigung meiner Mutter im Februar 2017 getroffen und mich schon darauf gefreut, Euch bzw. Sie von Angesicht zu Angesicht wiederzusehen. Denn unsere Trauer um meinen Vater ist ja wie sein ganzes Leben ein Echo auf seine ständige Verbundenheit mit sehr vielen Leuten, denen er teilweise über Jahrzehnte hin die Treue hielt. Als meine Mutter knapp vier Monate vor ihrem Tod plötzlich zum Pflegefall geworden war, fand die letzte Hochzeitsreise der Beiden – meine Eltern hatten am 13.10.2016 eigentlich ihren 65. Hochzeitstag feiern wollen – in einem Krankenwagen statt. Meine Mutter hatte einen Platz im Pflegezentrum Kronberg gefunden. Zeitgleich zog er in die Einliegerwohnung bei meiner Schwester etwas unterhalb am Hang des Kronberges. Von dort besuchte er jeden Tag meine Mutter im Heim. Als sie dann gestorben war, ging er weiterhin ins Heim, nun aber zum täglichen Mittagessen. Denn er wollte sich von Uschi unabhängig machen und täglich unter Leute kommen. Denn er lebte von Kontakten. Diesen Anschluß fand er dann auch rasch in der FeG Ewersbach. Ergänzend dazu riet ich ihm, täglich mindestens mit zwei Leuten aus seinem großen Freundeskreis zu telefonieren. Diese Empfehlung gefiel ihm sehr gut, wie er mir monatelang bei jedem Telefonat mit ihm versicherte. Und wie mein Schwager Dave mir einmal berichtete, hing er täglich zwischen zwei bis fünf Stunden am Telefon und erzählte mir auch von seinen Gesprächspartnern, die ich häufig selber noch von früher her kannte. Ich gehe davon aus, daß manch einer der Leser sich gerne daran erinnern und uns davon berichten wird. So bleibt dieses Netzwerk um meinen Vater herum noch länger erhalten. Wir freuen uns auf diesen Austausch!
Gegenüber den Ewersbachern nahm mein Vater Bezug auf die Herkunft seiner Eltern aus dem Hessen- und Siegerland und bezeichnete sich ihnen gegenüber mit unverkennbar Kölner Sprachmelodie als „Spätheimkehrer“. Das von ihm geschätzte Essen im Pflegezentrum würdigte er dem Küchenpersonal gegenüber, das er nie zu Gesicht bekam, mit einem Dankesbrief an die Küche. Mir gegenüber meinte er mal lachend: „Da muß ich erst 90 Jahre alt werden, um den Salat wieder wie bei meiner Mutter essen zu können. Die machte ihn nämlich immer süß an, während die Mama (damit bezeichnete er unsere Mutter) ihn immer sauer zubereitete!“
Als Folge vermehrten Schwindels, dessen Ursache erst später festgestellt werden konnte, stürzte er schließlich auf seinem Weg zum Mittagessen und brach sich einen Oberschenkelhals. Er kam nicht mehr wie früher auf seine Beine, sondern bot zunehmend das Bild einer beginnenden Demenz. Beruhigungsmittel erzeugten keine Ruhe, sondern anhaltende Verwirrtheit. Diese dramatische Verschlechterung hatte zur Folge, daß er nicht mehr in seine Einliegerwohnung zurückkehren konnte, sondern sofort einen Platz im Pflegezentrum erhielt. Sein Zimmer lag nur zwei Zimmer von dem entfernt, in dem unsere Mutter gewesen war. Durch meine Mitwirkung als Psychiater konnten die Beruhigungsmittel schnell ausgeschlichen werden. Binnen weniger Tage klarte er geistig wieder auf und erholte sich auch körperlich ganz gut. Dann meinte er, daß er doch im Heim bleiben wolle, denn dort würde er mehr Besuch erhalten als in der Einliegerwohnung. Wann immer jemand aus der FeG Ewersbach Angehörige im Heim besuchte, war es für viele naheliegend, noch schnell einmal „beim Bruder Röder“ vorbeizuschauen. Er meinte, daß er trotz des Fernbleibens von den geliebten Gemeindeveranstaltungen über alles, was dort laufe, bestens informiert sei und weiterhin Anteil nehmen könne. An allen Treffen im Heim nahm er zuverlässig aktiv teil. Im vorletzten Jahr schaffte er es sogar in die Rolle des Nikolauses für die Mitbewohner.
Im Frühsommer 2019 erlitt er dann einen Schlaganfall im Hirnstammbereich. Bei dieser Gelegenheit kam heraus, daß bei ihm schon länger eine Gefäßverengung im Bereich des Nackens bestanden hatte, die ihm einen ständigen Schwindel, weshalb er im Jahr zuvor gestürzt war, beschert hatte und die den Schwindel zur immer unerträglicher werdenden Dauerbelastung bis zu seinem Lebensende machte. Gleichzeitig war durch diesen Schlaganfall ein Kerngebiet eines Augenmuskelnerven geschädigt worden, das sich nicht mehr erholte. Folglich konnte er das eine Auge nicht mehr parallel zum andern bewegen und mußte seither unter ständigen Doppelbildern leiden. Und er kommentierte dies auf seine unnachahmliche Art bei der Chefarztvisite im Kreisklinikum Siegen mit folgenden Worten: „Herr Chefarzt, Sie glauben ja gar nicht, was ich sehe! Ich wußte bislang nicht, daß Sie so viele eineiige Zwillinge unter Ihren Mitarbeitern haben. Und wie perfekt die ihre Bewegungen aufeinander dauerhaft abstimmen! Das ist wirklich beeindruckend!“ Diese Sehstörung behinderte ihn bis zuletzt, so daß er schließlich ein Brillenglas abklebte, um dann einäugig gucken zu können. Das hinderte ihn aber nicht daran, wie gewohnt weiterhin auf seinem Computer seine individuelle Geburtstags- und Weihnachtsgrüße an viele Leute zu verfassen. Erst als seine Demenz ihn daran hinderte, den Computer zu bedienen, stellte er diesen Ausdruck seiner Verbundenheit mit Euch bzw. Ihnen unter großem Bedauern ein.
So wurde sein Gesichtskreis schrittweise enger. Aber bei jedem Treffen berichtete er mir von den Kontakten, die sich nun nur noch am Telefon abspielten. In meinem letzten Telefonat mit ihm zwei Tage vor seinem Tode, das er mit dem Satz begann: „Jetzt geht es heimwärts!“, berichtete er mir voller Erstaunen darüber, wer ihn in den vorangegangenen Tagen alles angerufen hätte. Aber jetzt sei es ihm zu viel. Er hatte bereits angefangen, diese Welt verlassen zu wollen.
An dieser Stelle möchte ich allen, die sich im Pflegezentrum Kronberg im Vordergrund und im Hintergrund um meine Eltern kümmerten und auch für uns als Angehörige alles, was den Beiden nutzen konnte, möglich machten, ausdrücklich danken! Mein Vater hatte lediglich darüber geklagt, daß er gezwungen worden war, die letzten Wochen seines Lebens als Einzelgänger zu gestalten. Die Einrichtung machte es trotz Corona möglich, daß mein Vater nicht einsam gestorben ist, sondern in Frieden heimgehen konnte.
Ich möchte diesen Text zum einen mit folgendem Bibelzitat beenden: „Ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach:“ Offenbarung 14,13
Unser Vater ist im Herrn gestorben und hat viel in dessen Dienst gearbeitet und dadurch so viele Zeichen gesetzt und Entwicklungen in Gang gebracht und lange getragen, daß sie auch nach seinem Tode noch lange wunderbare Früchte tragen werden. Diese werden im Rahmen dieses Blogs sichtbar werden.
Zum andern kündige ich hiermit an, da meine Eltern nicht nur geredet und gearbeitet, sondern auch viel geschrieben haben, daß ich diesen Schatz im Laufe der Zeit heben möchte. Und garantiert bin ich nicht der Einzige, der uns alle damit beschenken kann und will. Also schaut immer wieder mal nach, was sich hier im Blog tun wird!
Abschließen will ich mit einem Witz, über den ich leider erst nach seinem Tode gestolpert bin. Er hätte sich darüber sehr amüsiert. Denn sein Humor blieb immer seine spezielle Marke und bestimmte auch seine Stimmung am 12.12.2020, als das unten wiedergegebene Foto von ihm und mir von Sonja Toepfer gemacht wurde, die er an diesem Tag endlich persönlich kennenlernen konnte und bei der die Beiden auf Anhieb einen sehr guten Draht zueinander kriegten, so daß er auch mit ihr in den wenigen Tagen, die ihm in seinem Leben blieben - wovon damals noch niemand wußte - einen engen Telefonkontakt aufbaute.
„Ein alter Kölner: Ja, jetzt bin ich ja schon über 90. Da muß ich auch bald ans Sterben denken. Aber das macht gar nichts. Denn das werde ich auch noch überleben!“
Mit herzlichen Grüßen an alle
Dr. Friedhelm Röder

Kommentare
Euch als Familie Gottes Trost beim Abschiednehmen, ein dankbares Herz, dass ihr euren Vater, Opa und Uropa so lange haben durftet und Hoffnung auf ein Wiedersehen in der Ewigkeit.
Mit dankbaren Erinnerungen an Heinz und Röschen grüßen wir aus Westafrika: Thomas und Jutta Weinheimer
Zunächst möchten wir Dir und Deinen Lieben unser herzliches Beileid
aussprechen und gleichzeitig Gott preisen über dem segensreichen Leben
Deines lieben Vaters Heinz. Jesus möge Euch trösten und neu erquicken. -
Danke für die Idee des Blog. Viele Beiträge haben uns sehr erfreut und
gern an Heinz und Röschen erinnert.
In Verbundenheit mit euch durch unseren Herrn Jesus grüßen herzlich,
Wolfgang und Marianne Kißner
We have read the story of your father during WWII and his memoirs reminded us of " All Quiet On The Western Front." The day to day struggle to under hellish conditions test the spirit and make youngsters grow old in a short time. Your father was a real hero who never lost his humanity and this speaks volumes on the person he was. To survive his war experience and return to normal life is a major challenge that he mastered successfully. While we did not know him personally, we admire him for the strength of character and the life he led. May he rest in peace.
Shalom,
Nomi & Mordechai
New Jersey/USA
Haifa/Israel
„Ich finde es super, daß Ihr einen Block über Deinen Vater eingerichtet habt. Das Beste, was mir gefallen hat, war das gemeinsame Bild von Euch beiden. Die beiden lachenden Männer als Einleitung im Hintergrund. … Nichtsdestotrotz möchte ich Dir mit diesem Brief auch ein wenig Kraft senden. Die soll Dir helfen, die Veränderung durch den kurzen Abschied begreifbar zu machen. „Man lebt so lange, wie in Liebe jemand an einen denkt!“ habe ich vor Jahren auf einer alten Zeichnung gelesen, und ich finde diesen Satz sehr schön. Veränderung ist nicht immer einfach, aber wenn man diese zuläßt mit all ihren Facetten, kann auch daraus Neues und Schönes entstehen.
Ich persönlich bin der festen Überzeugung, daß es ein Wiedersehen gibt und daß, wenn der Mensch seinen Körper verläßt, er nur in eine andere Ebene des Bewußtseins wechselt.
Dein Vater hatte es – finde ich – sehr gut in Eurem letzten Gespräch am Telefon beschrieben. Die Worte „Es geht heimwärts!“ finde ich sehr treffend, und beschreiben es in meiner Vorstellung sehr. Es geht heimwärts zu denen, die einem wichtig waren. Denen, die man schon solange nicht mehr gesehen hat. Es geht nach Hause, und dies kann man auch mit ruhigem Gewissen gehen, weil der Mensch merkt, daß die andern auch nach Hause kommen werden.“
Der Wunsch des 90-jährigen Kölners, das Sterben zu überleben, ist bei Deinem Vater ja durch diesen Gedenkblog in Erfüllung gegangen.