Die Eltern auf dem 70. Geburtstag von Willi Haseloh im Januar 2009. Diesen WEC-Missionar kannten sie seit Beginn seiner Tätigkeit dort im Jahre 1974. Mein Vater pflegte den Kontakt mit ihm bis zuletzt. Siehe auch dessen ausführlichen Kommentar zur Trauernachricht vom 16.1.2021 in der Kommentarrubrik der Seite „Mission“.
Liebe Leser,
nachdem meine Mutter bald nach dem 65. Hochzeitstag starb, waren die Trauergefühle meines Vaters natürlich sehr heftig und langanhaltend.
Am 18.2.2018 trafen wir uns anläßlich der Verabschiedung von Dave in den Ruhestand in Ewersbach. Bei dieser Gelegenheit erzählte mir mein Vater, daß er im vergangenen Jahr auf einmal nachts die Stimme seiner Schwester Hilde gehört hätte, wie sie zu ihm gesagt hätte: „Armer Heinz!“ In einer anderen Nacht habe er Mama – so nannte er unsere Mutter - „Huhu! Huhu!“ rufen hören - so hatte sie manchmal im Rahmen ihrer dementiellen Entwicklung zuhause nach ihm gerufen -. Er habe das alles sehr merkwürdig gefunden. Er habe dann Gott gebeten, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen. Als er mal wieder nachts aufgewacht sei, habe er auf die Uhr geschaut. Es sei genau 3.16 Uhr gewesen. Da habe er an Johannes 3,16 denken müssen: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ Da sei ihm klar gewesen, daß Mama, die an Jesus geglaubt habe, nicht verloren sei, sondern daß er sie bei Gott wiedersehen werde. Danach habe er seinen inneren Frieden gehabt. Seither sei so etwas nicht wieder vorgekommen.
Ich erläuterte ihm, daß das nächtliche Hören seiner rund 35 Jahre zuvor verstorbenen Schwester Hilde Bandomir und unserer Mutter in der Tat merkwürdig sei. Denn dabei habe es sich um eine akustische Sinnestäuschung gehandelt. Dieses abnorme Erleben sei Ausdruck einer massiven Gefühlsspannung, wie sie in der Anfangszeit einer Trauerreaktion bei recht vielen Hinterbliebenen vorkäme. Oft befürchten Trauernde, die so etwas erleben, daß dies Zeichen einer beginnenden, schweren, psychischen Erkrankung sei, weshalb sie darüber ungern sprächen. In meinem Beruf als Psychiater habe ich regelmäßig Trauernde nach solchen Erfahrungen befragt. Anschließend konnte ich sie jeweils beruhigen. Sie seien nicht psychisch krank. Sie würden nachvollziehbar auf eine anormale Situation reagieren. Dieses Erleben halte je nach Heftigkeit der Trauergefühle unterschiedlich lange an und kehre dann nicht wieder. Oft trete es tagsüber in vielfältiger Form (akustisch, optisch, haptisch = mit körperlichem Berührungserleben einhergehend) auf. In seinem Fall sei er nachts aus dem Traum aufgewacht. Die Traumwelt ist ausschließlich von unseren Gefühlen bestimmt, die wir mitunter tagsüber nicht so tief empfinden können. Daher hatte seine Trauer nachts bessere Möglichkeiten, sich so auszudrücken, als tagsüber.
In der Folgezeit berichtete mir mein Vater wiederholt mit einem Ausdruck von Verwunderung und leichter Verärgerung, daß er mal wieder nachts unsere Mutter getroffen hätte und ihr die ganze Nacht lang alles erzählt hätte, was er gerade so erlebt hätte. „Aber, meinst Du, sie hätte etwas dazu gesagt?“
Ich gehe davon aus, daß der eine oder andere Leser ähnliche Erfahrungen wie mein Vater gemacht hat. Und nicht jeder hat einen Psychiater als Sohn, der es ihm dann erklären könne.
Herzliche Grüße
Ihr Dr. Friedhelm Röder
Kommentare