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Sonntagmorgen vorm Gottesdienst


 Evangelische Kirche Sellnrod

Errichtet 1697-1698

Barocke Fachwerksaalkirche

Errichtet vom Zimmerer Hans Georg Haubruch aus Herbstein.

Er baute noch andere Fachwerkkirchen im Vogelsberg. Der Grabstein seiner Witwe steht vor der katholischen St. Jakobskirche in Herbstein.

Rechts hinter der Kirche ist das moderne Gemeindehaus zu sehen.


Liebe Leser,

im vergangenen Winter besuchte ich den Gottesdienst in Sellnrod, einem westlichen Nachbarort von Groß-Eichen. Wegen der Kälte war die Kirche ungeheizt, so dass das Gemeindehaus genutzt wurde. Wegen der heftigen Schneeverhältnisse verzögerte sich die Ankunft der Pfarrerin. Wir saßen also im kleinen, warmen Versammlungsraum und warteten. Teils wurde geplaudert, teils hing man seinen Gedanken nach. Ich machte sowohl das eine wie das andere. 

Da schweiften meine Gedanken hin zu Kindheitserinnerungen, als wir als Familie Röder jeweils zu den ersten Besuchern des Gottesdienstes in der Mülheimer Gemeinde zählten. Es war damals noch das alte Gemeindehaus. Das Licht fiel dämmerig durch die Fenster. 

Wir saßen als Familie immer in der dritte Reihe rechts. Während meine Mutter sich an ihrem Büchertischschrank in der hinteren rechten Ecke um die Bücher kümmerte, war mein Vater in der Garderobe mit den Fächern und Angelegenheiten als Gemeindeältester beschäftigt. 

Bald kam das Ehepaar Meller, die immer in der Mitte links saßen. Ich ging gerne zu ihnen hin, um sie zu begrüßen. Herrn Meller mochte ich sehr. Ich half ihm, wenn für eine Veranstaltung Tische und Bänke aus der Herrentoilette herausgeholt werden mussten. Das ging zu zweit immer leichter. 

Bald nach Mellers kam Otto Bongartz und bereitete am Harmonium seine Notenblätter vor. 

Dann kam Frau Sause, die immer in der zweiten Reihe rechts außen vor uns saß. Sie wurde später für mich durch folgende Begebenheit wichtig. Ich hatte angefangen, Otto Bongartz am Harmonium zu vertreten. Das Harmonium stand mit den Zungenstimmen zur Gemeinde, so dass ich mit Blick zur Gemeinde spielte. Bald nach Aufnahme dieser Aufgabe kam Frau Sause zu mir. „Friedhelm, ich muss Dir was sagen. Du spielst die Lieder viel zu schnell. Da komme ich nicht mit.“ Das nahm ich mir zu Herzen und gewöhnte mir an, beim Spielen der Lieder immer nach Frau Sause zu gucken, ob sie beim Singen mitkam. Sie saß ja so weit vorne, dass ich gut sehen konnte, wie sie Luft holte. So lernte ich, Lieder zum Mitsingen im richtigen Tempo zu spielen. Das Singen hatte mir damals schon gefallen und gefällt mir heute noch im Gottesdienst. 

Aber bevor ich alt genug war, als Hilfsorganist zu fungieren, fand ich die Predigten oft anstrengend. Damit ich mich nicht langweile, nahm ich mir immer etwas zum Lesen mit. Wie viele Karl May-Bände habe ich dort gelesen! Wenn ältere Geschwister meinen Eltern Vorwürfe machten, dass ihre Kinder nicht hätten lesen dürfen, sondern nur still dagesessen hätten, wie es sich gehöre, fragte meine Mutter nur zurück, wo denn bitteschön besagte Kinder jetzt seien, warum sie nicht mehr zur Gemeinde kämen. Ihr war wichtig, dass wir uns in der Gemeinde wohl fühlen und unsere eigenen Beziehungen zu den älteren Geschwister pflegen sollten. Dass ich heute noch mit älteren Menschen meist gut zurechtkomme, führe ich auf den damaligen, vertrauten Umgang mit der alten Generation zurück. 

So war es auch jetzt wieder ein wohliges Gefühl, auf den verspäteten Beginn des Gottesdienstes zu warten.

Ich wünsche Ihnen Momente in Ihrem Alltag, wo Sie in erwartungsvoller Ruhe einfach still sitzen können!
  
Friedhelm 

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